Wie ist die Lage bei der Tante?

Der Unverpacktbranche geht es schlecht, in fast allen Städten werden dramatische Umsatzeinbußen vermeldet: Fast wöchentlich schließen selbst etablierte Unverpacktläden in ganz Deutschland. Auch unsere Tante ist von der Krise betroffen, die Umsätze sind etwa um die Hälfte eingebrochen. Die Gründe sind mit zwei Worten leicht umrissen: Corona und Ukraine. In Zeiten von existenziellen Nöten profitieren Discounter, die Menschen in Deutschland geben weniger Geld für Lebensmittel aus. Wir haben ausschließlich organische Lebensmittel und sind in diesem Segment Preisführer in Mönchengladbach. Aber mit den Discounterpreisen für konventionelle Lebensmittel können wir in der Regel nicht mithalten, auch wenn wir tatsächlich bei einigen Lebensmitteln günstiger sind als die Preise konventioneller Lebensmittel bei Aldi & Co.

Was heißt das jetzt konkret, wie ist die Lage bei der Tante?

Um es kurz zu sagen: gut. Wir sind zwar auch ein Unverpacktladen, doch was die Tante vor Allem auszeichnet, ist der gemeinwirtschaftliche Ansatz, ein neues Miteinander im Feld der Ökonomie. Wir haben also kein Gewinnstreben, der Laden ist gemeinnützig und funktioniert ehrenamtlich – einzig unsere professionelle Steuerberaterin bekommt ein Honorar. Außerdem gemeinwirtschaften wir mietfrei, und das mitten in der Altstadt, weil wir einen sehr netten Vermieter haben. Und zuletzt bieten wir ausschließlich Lebensmittel an, die nahezu unbegrenzt haltbar sind – auch wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum etwas anderes suggeriert. Zurzeit haben wir abgelaufene weiße Bohnen und grüne Erbsen – Lebensmittel, die tatsächlich auch in 1000 Jahren noch genießbar sind. Deshalb kennzeichnen wir diese als offiziell abgelaufen und schreiben drauf „gleicher Preis“. Wir reduzieren also nicht den Verkaufspreis, nur weil das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist. Dieses ist bei den meisten Trockenwaren schlicht unsinnig.

Wirtschaftlich geht es uns also gut und sowohl die Tante LeMi als auch der Verein Eine Erde e.V. stehen wirtschaftlich kerngesund da. Mit unseren gemeinwirtschaftlichen Geldern haben wir sogar ein Programmkino gegründet, das Lemuria.

Ein Wermutstropfen: natürlich macht Kaufladenspielen nur halb soviel Spaß, wenn nur halb so viele von euch kommen. Doch bei all dem Spaß, den es uns vom Team macht, den Laden für uns alle zu schmeißen, möchten wir doch darauf hinweisen, dass wir ein relativ einzigartiges Projekt in Deutschland sind. Ein Projekt, das versucht, Antworten zu finden auf drängende Fragen, die erst durch unsere zerstörerische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung aufgeworfen werden. Deshalb braucht es zwei, drei, viele Tante LeMis oder ähnliche Projekte, die andere Wege beschreiten und in deren Mittelpunkt das Prinzip der Gemeinheit steht, also der Kooperation, der gegenseitigen Fürsorge und Teilhabe. Gegen die Resignation und Ohnmacht hilft das gemeinsame Tun, der Aufbau neuer, gemeinsamer Strukturen, die uns langsam und immer mehr und freundlich tragen können, wenn das Überkommene zerbricht.

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