Zeitgeschenke – geschenkte Zeit

von Natalie Sat

„Zeit ist das schönste Geschenk“. So lautet der Leitsatz auf der Startseite meiner Homepage. Bislang galt diese Aussage für viele im Zusammenhang mit erkämpfter Freizeit zwischen all dem Müssen und Sollen. Doch plötzlich ist sie da, die freie Zeit – ganz ohne unser Zutun, ohne Anstrengung, frei zu bekommen oder ein Stück aus dem überfüllten Terminkalender rauszuschneiden. Endlich haben wir Zeit.

Natalie Sat

Die grauen Herren von der Zeitsparkasse aus dem Buch „Momo“  würden sich zuerst die Hüte über den aktuellen Zustand unseres Leistungssystems raufen, und sich dann in Schall und Rauch auflösen. Denn: Zeit sparen durch Leistung und Effizienz hat sich im herkömmlichen Sinne in Zeiten von Corona für die Meisten erübrigt.
Wir erfahren auf der Seite der Entschleunigung eine ganz neue Dimension. Dabei bleibt die Zeit immer dieselbe, es sind die Umstände, die sich ändern.

Die Uhr-Zeit, von uns Menschen als Maßeinheit konstruiert, um unser Leben zu takten, zu organisieren und in Koordination mit dem System und anderen Menschen zu gestalten, ist in unserem Dasein grundsätzlich auf die Zukunft ausgerichtet und lässt uns präzise Pläne schmieden. Doch gerade diese Funktion wird ihr durch die gegenwärtige Lage entzogen. Was zählt ist das JETZT. Wir sind verwiesen auf die Gegenwart, jeden Tag so zu leben wie er kommt, mit allen Herausforderungen und Möglichkeiten, welche sich durch die vorliegenden „Einschränkungen“ ergeben.

Doch während wir „freie Zeit“ bislang als etwas verstanden haben, das wir mit dem Füllen durch neue Aktivitäten verbringen, stehen wir plötzlich da; dürfen nicht reisen, keine Feste miteinander feiern, uns einander physisch nicht nah sein…
Wir sind angehalten, möglichst viel zu Hause zu bleiben. Zuhause. Was für eine ungewohnte Vorstellung. Haben wir noch ein wirkliches Verständnis von unserem Zuhause und was es bedeutet? Ein Ort, den wir im Regelwerk des Arbeitslebens viele Stunden des Tages gar nicht bewohnen und mit unserer Präsenz beleben. Nun ist sie da, die Gelegenheit, unser Zuhause zu spüren, durch die Räume zu gehen, die „unser Zuhause“ sind. In diesem Schutzraum, in dem wir geborgen und ganz wir selbst sein dürfen. Dort sind wir nun, zurückgeworfen auf uns selbst.
Ein Virus als Chance, den Blick nach innen zu richten, innezuhalten. Die Gelegenheit, tief mit uns selbst in Resonanz zu gehen. Die große Chance, in dieser unerwarteten Atempause nur zu atmen.
Unsere Aufmerksamkeit, die immerzu nach außen gerichtet ist, darf sich endlich einmal – ohne Zeitdruck und Ausreden – nach innen richten, mit Fragen wie: Ist dieses Selbst, mein Ich, welches ich im Laufe der Zeit konstruiert habe, wirklich mein wahres Selbst? Lebe, denke, verhalte, fühle und bewege ich mich so durch das Leben, dass es sich für mich authentisch und richtig anfühlt?“ Solche Gedanken können recht ungewohnt und schwer wiegen und sind bisweilen für viele von uns beunruhigend. Sind wir es doch gewohnt uns permanent abzulenken, zu beschäftigen und Pläne zu schmieden. Häufig scheinen wir einen klareren Blick auf andere Menschen zu haben als auf uns selbst. Die Zeit, wie sie uns jetzt zur Verfügung steht, kann eine tief klärende Gelegenheit für uns sein. Ein System geht in die Knie und bietet uns nicht nur auf individueller, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene die Chance, darüber zu reflektieren, wie wir miteinander leben möchten. Was ist unsere Vorstellung von einem guten Leben?

Möglicherweise ist diese Krise ein Geschenk – ein Geschenk für das Bewusstsein, zu erkennen,

– dass jeder Tag einzigartig und unwiederbringlich ist.
– und zu begreifen, wie fragil Leben ist.
– wie zerbrechlich sowohl die Gesellschaft als auch das System ist.
– dass es einzig die Gegenwart ist, die real ist und gelebt werden kann.
– dass das ICH ohne das WIR nicht funktioniert.
– dass wir mit mehr Demut und Dankbarkeit leben.
– dass wir mehr wertschätzen, was wir haben.
– dass Weniger auch befreiender sein kann…

Und so könnte auch der bekannte Spruch „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ umgedeutet werden in: „Müßiggang ist aller Kreativität Anfang“ oder „Müßiggang ist aller wahrhaften Erkenntnis Anfang.

Vielleicht können wir es halten, wie Beppo der Straßenfeger, aus dem Buch „Momo“, der sagt: „Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, die man fegen muss. Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich, Schritt. Atemzug. Besenstrich. Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. So geht man immer weiter, bis man am Ende die ganze Straße gefegt hat und man hat gar nicht gemerkt wie und man ist nicht außer Puste.

Wenn unser Bewusstsein sich öffnet für den Augenblick, können Begegnungen und das eigene Leben jetzt und in Zukunft in einem neuen Selbstverständnis gelebt werden. Dem Selbstverständnis, dass nichts selbstverständlich ist.

Zeit ist das schönste Geschenk.

Mit einem herzlichen und mußevollen Gruß,
der alle Empfänger*innen liebevoll umarmt.

Natalie Sat

www.zeit-bewusst-sein.de

3 Gedanken zu “Zeitgeschenke – geschenkte Zeit

  1. Heinz Wollgarten schreibt:

    Meine liebe Natalie,
    vielen Dank für deinen interessanten Beitrag!

    Aber ich glaube, dass deine Ausführungen nur die erreichen, die per Verstand Zugang dazu haben.
    Viele Menschen „nutzen“ ihre jetzt gewonnene Zeit, um zu hamstern, Toilettenpapier, Mehl etc. zu hören (worüber ich nur mit dem Kopf schütteln kann).
    Andere sehen in der Krise eine Bestrafung durch höhere Mächte (??), wieder andere ignorieren oder leugnen sogar deren Existenz.
    Ich denke, wir leben in einer „erfundenen Ordnung“, die vom „romantischen Konsumismus“ beherrscht wird. Uns wird allgegenwärtig suggeriert, so viel unterschiedliche Erfahrungen (auf allen Gebieten) wie irgend möglich zu machen, sozusagen eine „Erlebnisökonomie“.
    Es bedarf keiner Meinung nach schon eine große Anstrengung, meine persönlichen Wünsche aus dem Würgegriff der „erfundenen Ordnung“ zu befreien – das gilt auch für die „Zeit“.
    Manchmal geschieht so etwas durch intensive persönliche Erfahrungen, oft einhergehend mit dem Verlust geliebter Menschen, oder auch durch Krisen wie die derzeitige.

    Es gibt m.E. keinen Ausweg aus der erfundenen Ordnung:
    Wenn wir die Gefängnismauern niederreißen, um in die Freiheit zu laufen, landen wir unweigerlich im Hof eines noch größeren Gefängnisses.

    Nun aber genug des Lamentos.

    Ich hoffe, der VHS Kurs im Mai kann stattfinden!

    Liebe Grüße, Heinz

  2. Natalie schreibt:

    Lieber Heinz,
    danke für deinen Kommentar. Ich kann deine Sichtweise gut verstehen – und zugleich aus eigener Erfahrung sagen, dass das größte Gefängnis, jenes in unserem Kopf ist. Wir sind durchtränkt mit tief verankerten und zum überwiegenden Teil unbewussten Glaubenssätzen. Die Herausforderung zu jeder Zeit (unabhängig von Corona) ist das Erkennen unseres eigenen Gedankengefängnisses. Dies sind für mich die essenzielsten Fesseln, die gesprengt werden möchten…
    Auch ich hoffe, dass wir uns gesund in einem meiner kommenden WOrkshops wiedersehen.

    Ganz herzlich
    Natalie

  3. Hartmut Neumann schreibt:

    Liebe Natalie
    so sehr ich mich gefreut habe, etwas von Dir zu hören, habe ich einige Zweifel an deinem positiven Ansatz, dieser Krise etwas Positives abzugewinnen. Deinen Ansatz, die gewonnen Zeit zur authentischen Reflexion zu nutzen, teile ich!
    Meine Bedenken sind nicht in deiner Argumentation begründet, sondern berücksichtigen, dass die Menschen durch Ängste an der Erkennung der Chance gehindert sind. Diese Ängste beziehen sich auf eine gesundheitliche und finanzielle Herausforderung, deren Ausmaß sie nicht zu kennen glauben und das sogar existenzielle Konsequenzen haben kann. Die Bewältigung dieser Ängste ist vielfach eine ungeübte Aufgabe, da wir bei unseren Problemen (Ausnahme der gesundheitlichen) meist nach dem für alles verantwortlichen, beschützenden Staat rufen. Die eigene Resilienz ist ungenügend erprobt.

    Eine Krise kann sehr produktiv sein, man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen. (Max Frisch)

    Ein angstfreies Verhältnis zur Krise müsste vorhanden sein, um den persönlichen Gewinn, der in einem positiv veränderten Bewusstsein besteht, wie von dir aufgeführt, zu erkennen. Wenn man erwartet, dass wir nach der Krise eine andere Gesellschaft sind, wird man sicher enttäuscht!
    In dem festen Glauben -Visionäre verändern die Welt! – grüße ich Dich ganz herzlich
    Hartmut (24.und 31. Jan 2020 Hannover Gasthörenden Studium )

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