Enkeltauglich wohnen

Warum unser Wohnen wieder gemeinschaftlich gestalten? Welche Formen gemeinschaftlichen Wohnens und welche wegweisenden Projekte gibt es bereits? Diese Fragen stellte sich Eine Erde e.V. in dem Vortrag „Neue Lust auf Gemeinschaft“.

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Wie sich unser Wohnen gewandelt hat und wie eine enkeltaugliche Wohn- und Lebensweise gelingen könnte, das gibt es hier nachzulesen.

Längst hat unser Lebensstil die Belastungsgrenzen unseres Planeten überschritten. Das machen Konzepte wie der ökologische Fußabdruck, die 2000-Watt-Gesellschaft, die 1-Tonne-CO2-Gesellschaft oder die Planetary Boundaries plastisch. Klimawandel, Feinstaubbelastung, Verlust der Artenvielfalt, Versauerung der Ozeane, Ozonschichtzerstörung, Süßwasserverbrauch, die Abholzung von Wäldern bedrohen die planetaren Systeme und leiten bereits heute kritische Veränderungen der Ökosphäre ein. Von sozialen Verteilungsfragen einmal ganz abgesehen. Wir verbrauchen heute 1,8 Planeten im Durchschnitt – der Anteil der „zivilisierten“ Gesellschaft ist wesentlich größer. Aber woher die Planeten nehmen? Eine Rationierung unseres Umweltverbrauchs ist also unumgänglich.

Aber warum gerade unser Wohnen verändern? Alle Bewertungsmethoden zeigen: Wohnraumkonsum und Lebensmittelversorgung bilden die ökologisch gewichtigsten Faktoren. Etwa 60% der Fläche, die notwendig ist, um unseren Lebensstandard dauerhaft zu ermöglichen, entfallen auf die Bereiche Wohnen und Ernährung. Das war nicht immer so.

Lebten wir einst in Selbstversorgungsökonomie in großen Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaften, hat sich der Haushalt seit Beginn der Industrialisierung zum Konsumentenhaushalt gewandelt. Mit Entstehung der Privatsphäre und dem Ausbau der öffentlichen Infrastruktur wurde dieser in den alltäglichsten Verrichtungen eingebunden in ein Geflecht von Versorgungs- und Entsorgungsapparaturen. Kamen etwa noch vor 150 Jahren mehr als 97% aller menschlichen Nahrung von Feldern, die im Horizont des Kirchturms der Verbraucher lagen, ist der moderne Haushalt Grundeinheit einer privatistischen Konsumkultur. Den Alltag des modernen Stadtbewohners kennzeichnet eine lückenlose Versorgung: Versorgung mit Energie, Versorgung mit Nahrung, Versorgung mit Unterhaltung, Versorgung mit Fürsorge, Versorgung mit Pflege. Die einst subsistent lebende Haushaltsgemeinschaft wandelte sich zur kleinfamilialen Konsumeinheit. Und die Funktionstüchtigkeit der institutionalisierten Versorgung erübrigte offenbar auch jegliche Formen der sozialen Interaktion im Wohnen.

Als sich in den 50er Jahren der Lebens- und Wohnstandard breiter Schichten so tiefgreifend änderte, stiegen auch Energie- und Ressourcenverbrauch explosionsartig an. Expandierende Industrien, industrialisierte Landwirtschaft, aber auch Massenverkehr, Massenkonsum und eine Masse von Müll hielten ein Einzug in das Leben. Die moderne Haushalts- und Lebensführung, die den Menschen einst Komfort, Individualität und Unabhängigkeit versprach, sie führte zugleich in die ökologische Krise.

Heute begeben sich immer mehr Menschen auf die Suche nach alternativen Wohn- und Lebensformen, die durch ein Mehr an Beteiligung und ein weniger an Konsumabhängigkeit gekennzeichnet sind. Schätzungsweise 3.000 solcher sozial-ökologischen Gemeinschaften gibt es bereits: Ökodörfer, Mehrgenerationenwohnen, Kommunen, Nachbarschaftsprojekte, Cohousing-Gemeinschaften, urbane Wohnprojekte. Sie setzen auf Strategien, die den menschlichen Lebensstil wieder auf ein ökologisch verträgliches Maß reduzieren und zugleich ein sozial reichhhaltiges und genussvolles Leben gestalten.

Eine enkeltaugliche Wohn- und Lebensweise – wie könnte sie gelingen?

Durch eine Hinwendung zur Suffizienz: Suffizienz meint einen genügsamen und maßvollen Lebensstil. Global gesehen würde eine echte Suffizienz für 80 Prozent der Menschen eine Erhöhung der Lebensqualität bedeuten. Aber auch für die anderen 20 Prozent muss Suffizenz nicht Verzicht bedeuten, wenn nur die Art und Weise des Verbrauchs und die Form von Gütern verändert wird.

Durch Subsistenzwirtschaft: Subsistenz meint die Produktion zur Selbstversorgung. All das, was materiell und sozial für ein gutes Leben benötigt wird, wird in Kooperation (lokal, global) mit anderen hergestellt, ohne die Lebensgrundlagen zu gefährden. Also Behausung, Lebensmittel, Kleidung, Fürsorge, Gemeinschaft.

Durch Relokalisierung der Wirtschaft: Mit dem Prinzip der Relokalisierung werden möglichst viele Kreisläufe wieder lokal geschlossen. Relokalisation ermöglicht Nähe, schafft daher Synergien an Ort und Stelle, spart Transportenergie, macht das Leben reichhaltiger. Sie wertet Orte für Menschen auf und schafft so eine neue Kultur der gegenseitigen Unterstützung, des Kennenlernens, der Autonomie und des Genusses.

Durch Gemeinschaftsgüter: Die Forschung zeigt ein heute nicht mehr genutztes Potential: Menschen kooperieren, wenn man sie lässt. Und so werden Ressourcen, Land, Gebäude, Technik und so weiter wieder als Gemeingüter verstanden, die gemeinsam, gleichberechtigt und nicht-marktwirtschaftlich genutzt werden. Regeln der gemeinschaftlichen Nutzung gewährleisten, dass Gemeinschaftsgüter nicht übernutzt und zerstört werden.

Durch resiliente Lebensweisen: All diese Strategien können Fallschirme in Zeiten der Unsicherheit und Krisen sein. Resilienz meint Krisentauglichkeit. Sie entsteht vor allem aus Vielfalt, aus mehreren Optionen (Energiequellen, Lebensmitteln) und all das lokal und regional nachhaltig produzierbar. Aber auch Prinzipien wie Kooperation, Selbstorganisation oder Demokratie gehören zu resilienten Lebensweisen.

Durch Subsidarität: Um als Mensch und Gruppe überhaupt selbstbestimmt und eigenverantwortlich handeln und entscheiden zu können, braucht es aber die Entfaltung individueller Fähigkeiten.

Lasst uns unser Wohnen also wieder gemeinschaftlich gestalten!

 

Veranstaltungs-Tipp für diesen Freitag, 12. Mai:
„Wegwerfen als Arbeit am Ich. Das Phänomen Müll“ von Lars Lange
19 Uhr, VHS Mönchengladbach, Lüpertzenderstr. 85, Raum 113

http://bit.ly/2pA2ki2
https://www.facebook.com/events/203649536790412/

 

Bildquelle: https://neustartschweiz.ch/nach-hause-kommen/
Literatur-Tipp: „Nach Hause kommen“, Hrsg. Neustart Schweiz

 

 

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